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Zu spät

Posted on 19 October 2016 at 21:26

Es war bereits zehn nach halb zwei als Zeqir das Klassenzimmer betrat. Er war ein schlanker, fast schon hagerer Somalier, grossgewachsen für seine 16 Jahre. Seine grossen Augen und sein wacher Blick verrieten schon von weitem, dass er sehr gebildet war. Er war einer der Schüler, die eigentlich gerne in die Schule kommen und sich verbissen daran machten, Deutsch zu lernen, Bücher zu lesen. Einmal erzählte er mir, er habe in Somalia im Buchladen seines Vaters gearbeitet. Er durfte dort die Bücher lesen, welche im Geschäft an Lager waren. Ein bestimmtes Buch begeisterte ihn so sehr, dass er mir davon berichten wollte. Der Alchemist von Paolo Coelho. Er war damals knapp eine Woche bei mir, sprach aber schon gebrochen Deutsch. Fehlende Worte füllte er mit Englischen auf. Daraufhin fragte ich ihn, was er denn werden wolle, wenn er aus allen Berufen wählen dürfte. Seine Antwort beeindruckte mich sehr - Schriftsteller. Er wolle Geschichten erzählen.

Nun war er aber schon zehn Minuten zu spät und das ärgerte mich ungemein, denn es war schon wieder er, der zu spät kam. Es war immer er. Ich war also gespannt auf seine heutige Ausrede. Er habe noch Mittag essen müssen. Ich wurde sauer, hatte er doch zwei Stunden Mittagspause. Es war nicht so, als wäre er der einzige Schüler meiner Klasse mit einem Hang zur Unpünktlichkeit. Es ärgerte mich bei ihm aber besonders, da ich sein Potenzial sah, Möglichkeiten und Chancen, sich vom Stigma des Jugendlichen mit Fluchthintergrund zu lösen und Teil der Gesellschaft zu werden. Nicht nur das, ich sah in ihm einen Menschen, der die Fähigkeit hatte, die Welt zu verändern. Ich unterbrach die laufende Lektion.

Zeit, so fing ich an, Zeit sei ein wichtiger Aspekt unserer westlichen Welt. In unserer Kultur würde Zu-spät-kommen nicht toleriert. Unpünktlichkeit ist ein gesellschaftliches Tabu. Kommt man eine Minute zu spät zum Bahnhof, ist der Zug weg. Kommt man eine Minute zu spät zum Jobinterview, kann man gleich wieder nach Hause gehen. Unsere Gesellschaft folgt dem Rhythmus des Sekundenzeigers.

Ich war gerade fertig, als Zeqir sich zu Wort meldete. Mit dem Deutsch, welches ich ihm die letzten Wochen beibrachte, erzählte er von seiner Reise. Er hatte mit Freunden und Verwandten die steinigen Gebirge Somalias durchwandert, um vor den Al-Shabab-Milizen zu fliehen. Sie konnten per Anhalter durch das karge Hochland Äthiopiens gelangen, weil sie keine Zukunft in den unglaublich riesigen Flüchtlingslagern nahe der somalischen Grenze sahen, machten sich wieder zu Fuss über die Grenze in den von Krisen zerrütteten Sudan und fuhren schliesslich viele Tage auf einem rostigen Pickup-Truck durch die totbringenden Wüsten Libyens. Am Mittelmeer angekommen, herrschte pure Aufregung.

Ich unterbrach ihn und wollte wissen, was es mit seiner Unpünktlichkeit zu tun hatte, doch er liess sich nicht unterbrechen und erzählte weiter.

An der Küste hatte er mit Freunden und Verwandten ein Boot ausfindig machen können, welches am nächsten Tag schon nach Italien fahren würde. Man sicherte ihnen zu, sie könnten alle noch mitfahren. Am nächsten Tag machte Zeqir sich auf, Wasser und Brot für die Reise zu besorgen. Seine Leute und er würden sich am Boot treffen. Doch als er dort ankam, musste er feststellen, dass das Boot schon überfüllt war. Hunderte Männer, Frauen und Kinder hatten sich schon vor Stunden in das Boot gesetzt, um sicher zu gehen, dass sie mitfahren konnten. Zeqir half seinen Freunden auf das Boot zu kommen, warf den Proviant seinen Freunden zu, schaffte es jedoch selber nicht mehr rauf. Selbst nach der Abfahrt hatte sich Zeqir noch an das Boot zu klammern versucht, musste dann aber ablassen. Es gab keine Möglichkeit mehr, dieses Boot nach Italien zu nehmen. Enttäuscht liess er davon ab und schwamm zum Strand zurück. Er nahm sich fest vor, am Strand zu bleiben und auf das nächste Boot zu warten. Er würde der Erste sein, der das morgige Boot betritt.

Die Klasse war in der Zwischenzeit ruhig geworden. Alle hörten genau zu, was Zeqir zu sagen hatte.

Am nächsten Morgen machte er das Boot ausfindig, welches ihn nach Italien bringen würde und bestieg es. Im Laufe des Tages kamen hunderte weiterer Reisende hinzu. Kurz vor Sonnenuntergang legte das Boot ab. Der Geruch von Diesel und Abgasen führte bei den meisten Menschen an Board zu Übelkeit. Die raue See tat ihr übriges. Nach einigen Stunden und kurz nach dem Verlassen der libyschen Hoheitsgewässer wartete ein italienisches Rettungsschiff, ausgestattet mit Schwimmwesten und medizinischer Versorgung. Es brachte sie nach Sizilien. Alle Flüchtlingsboote werden hierher gebracht.

Im Aufnahmelager in Sizilien machte sich Zeqir auf die Suche nach seiner Gruppe. Er fragte bei den Verantwortlichen für die Registrierung nach und musste erfahren, dass kein Boot und kein Reisender, welcher seiner Beschreibung entsprach, am Vortag angekommen war. Alle seine Freunde und Verwandten, welche das Glück hatten, einen Tag vorher abzureisen, waren verschollen. Keiner von ihnen wurde je wieder gesehen. 

Mir blieb das Herz stehen. Ich schaute ihn betroffen an und fühlte mich fehl am Platz. Wer war ich, um zu moralisieren, nach all dem, was er durchgemacht hatte? Mir gingen meine Worte zu unserer Kultur durch den Kopf, hatte ich doch noch vor wenigen Minuten Pünktlichkeit gepredigt.

Zeqir war zu spät. Das rettete ihm das Leben.

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